Freitag, 15.10.2010 ::: 16:30 - 18:00

Bewegt-Bilder in der Medizin: der technisch zugerichtete ärztliche Blick zwischen Epistemologie und Spektakel - Sven Stollfuß

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Die Vermittlung medizinischer Inhalte über Bewegt-Bilder besteht seit der Erfindung des Films. Auguste Lumière, der mit seinem Bruder zusammen den Kinematographen erfand, maß dem Film eine zentrale Rolle in der medizinischen Forschung bei, da hiermit Bilder des sich bewegenden Körpers wiedergegeben werden konnten. Aus diesem Grund widmete sich Lumière auch der Entwicklung entsprechender Kameras und Filmwerkzeuge für die Medizinforschung. Ärzte und Wissenschaftler begannen ferner mit dem neuen Medium zu experimentieren und es als Instrument für die Forschung einzusetzen. Dabei ging es jedoch nicht immer nur um die Fabrikation von Wissen und Erkenntnis, sondern auch um die Generierung ‚medizinischer Spektakelwelten’. Zum Beispiel führte John Macintyre 1897 einen der ersten Röntgenfilme auf einer Veranstaltung namens „Ladies’ Night“ der Glasgow Royal Society vor (mit Rahmenprogramm und Moderator, der zwischen Laien- und Fachpublikum zu vermittelt hatte). Im Verlauf des 20. Jahrhunderts differenzierte sich ein ‚populärer Umgang’ mit medizinischen Filmen weiter aus, etwa mit den Röntgenfilmen Martin Riklis, Robert Jankers und anderen. Oder wenn in der niederländischen Talkshow ChirurgenWerk, um ein jüngeres Beispiel (hier von 1997) zu nennen, videoendoskopische Bilder zwischen Patient, Arzt und Moderator diskutiert werden. Die Verschmelzung filmischer Techniken mit medizinischen Bildgebungsverfahren vor allem zur Visualisierung des Körperinnen (durch Röntgentechnologie, Mikroskop und Endoskop) hat zu einer nachhaltigen technischen Zurichtung des „ärztlichen Blicks“ geführt: seine „Anpassung an die Realität der Maschinen und ihrer Erzeugnisse.“ Darüber hinaus aber prägen transmediale Formate wie bspw. der Röntgenfilm die Bild- und Wahrnehmungskultur der Moderne. Das Körperfragment rückt zunehmend in den Fokus der Aufmerksamkeit. Der Körper als Ganzes wird zu einem obsoleten Gegenstand. Dabei ist es vor allem der Körper der Frau, der vor dem Hintergrund einer Verschmelzung von filmischer Technik und medizinischer Bildgebung fragmentarisiert und bildhaft ‚aufgebrochen’ wird. Der ‚ärztliche Blick’ ist ein männlich chiffrierter. In meinem Vortrag geht es mir mithin zum einen um das reziproke Verhältnis von Medizin und Öffentlichkeit angesichts transmedialer Bildwelten, ihrer populären Produktivkräfte und einer radikalen Fragmentarisierung des Körpers. Zum anderen sollen diese Bildwelten geschlechterspezifisch in den Blick genommen werden.

 
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Sven Stollfuß, M.A., wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medienwissenschaft der Philipps-Universität Marburg und Redakteur der Zeitschrift MEDIENwissenschaft: Rezensionen/ Reviews. Studierte Medienwissenschaft, Europäische Ethnologie sowie Neuere deutsche Literatur und promoviert derzeit zu medizinischen Bildgebungstechniken in Wissenschaft und Massenmedien. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind medizinische Bildgebungstechniken, Bildtheorie, Theorie digitaler Medien Film in der Wissenschaft/ Wissenschaft in Film und Fernsehen sowie Körperkonzepte und Medien.

 
 

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