Sonnabend, 16.10.2010 ::: 15:30 - 17:00

Der Einsatz der Fotografie in der Stadtstudie "Wurzen" - Cordia Schlegelmilch

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Als Soziologin und Fotografin habe ich in den Jahren 1990 - 1996 eine ethnographisch angelegte Stadtstudie in Wurzen, einer Mittelstadt nahe Leipzig durchgeführt, zu der bereits eine Vielfalt von Veröffentlichungen erschienen ist. Ich habe erforscht, wie sich das Alltagsleben und die Lebensläufe nach der Wende verändern. Dazu war auch eine genaue Aufarbeitung des Alltagslebens verschiedener Milieus in der Vergangenheit erforderlich. Die Studie, in deren Mittelpunkt rd. 170 biographisch-narrative Interviews stehen, verbindet die ethnographische Gemeindeforschung mit der Biographieforschung, sowie mit herrschaftssoziologischen und milieutheoretischen Ansätzen. Ein zusätzliches Forschungsinstrument war die Fotografie. In der Zeit 1990 bis 1996 entstanden ca. 9.000 Fotografien, die z.T. 2001 in der Städtischen Galerie im Wurzener Rathaus ausgestellt wurden. 2006 erschien ein Teil von ihnen in einem Fotobuch (in einer Auflage von 1300 Stück), das in wenigen Wochen vergriffen war. Für die Verbindung von sozialwissenschaftlichen Studien mit Bildmaterial gibt es in Großbritannien und den USA eine lange Tradition. Bereits zur Zeit der Stadt- und Milieustudien der Chicago School wurde die dokumentarische und kritische Sozialfotografie eingesetzt. Im Rahmen einiger Seminare an der FU und der TU habe ich in den 80er Jahren solche Ansätze aufgearbeitet.
Ich wurde in Wurzen Zeugin einer städtischen Veränderung in atemberaubendem Tempo. Ohne kritische Absicht wollte ich das Authentische dieser Zeit festhalten, um auch später einen zweiten Blick auf die vergangenen Zustände zu ermöglichen. Als zeitgeschichtliche Dokumente zeigen die Fotografien, wie sich Altes und Neues, sei es behutsam, sei es dramatisch schnell, mischt. Zwanzig Jahre nach der Öffnung der Grenzen ist der Blick auf die Fotografien ein anderer. Der historische Abstand bedeutet jedoch vielfach nicht wachsende Distanz, sondern ein Wiederentdecken von Vertrautem. Die Fotografien wollen einer verschwundenen Zeit weder nachtrauern noch diese verdammen. Sie sind, wie auch das andere in der Studie zusammengetragene dokumentarische Material, Bestandteil des Gedächtnisses einer Region.
In meinem kurzen Beitrag möchte ich erstens über das Vorgehen und die Schwierigkeiten der fotografischen Arbeit im Rahmen einer Stadtstudie berichten, die auf biographischen Fallstudien basiert, wobei insbesondere die Doppelrolle als Soziologin und Fotografin hervorzuheben ist. Zweitens möchte ich darauf eingehen, wie die Fotografien von der Bevölkerung - auch im Rahmen der Ausstellung in Wurzen - aufgenommen wurden.

 
[... vita: ]

Dr. Cordia Schlegelmilch, 1952 in Magdeburg geboren, aufgewachsen in München, studiert in den 70er Jahren Soziologie an der FU Berlin und ist bis Ende der 80er Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) in den Bereichen Arbeitsmarktpolitik und qualitative Biografieforschung tätig. Dort promoviert sie über die Arbeitsmarktsituation und Perspektiven unterqualifiziert arbeitender Akademiker ("Taxifahrer Dr. Phil."). Anschließend Teilnahme an der "Werkstatt für Photographie" in Berlin-Kreuzberg, die 1976 in Berlin als Alternative zu traditionellen Ausbildungsstätten für Fotografie gegründet wird. Von 1987 - 1988 Assistentin in einem Berliner Atelier für Architektur- und Werbefotografie; parallel dazu Lehrbeauftragte an der FU und TU Berlin mit Veranstaltungen, die der Verbindung von Fotografie und Soziologie nachgehen. Die Kombination von Soziologie und Fotografie bestimmt die weitere freiberufliche Tätigkeit bis heute.

 

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