Freitag, 15.10.2010 ::: 15:00 - 16:00

Visuelle Medien und die (Wieder-) Herstellung von Unmittelbarkeit - Larissa Schindler / Tobias Boll

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Ethnografische Methoden und der Einsatz visueller Medien gehören inzwischen zum festen Datengenerierungsrepertoire der Sozialforschung. Zu deren zentralen Herausforderungen zählt die Vermittlung der Felderfahrung des Forschenden in den Kreis der wissenschaftlichen peers und der Leseröffentlichkeit. Dabei entstehen Fragen nach der Subjektivität bzw. Objektivität des Berichtenden und Berichteten. Bourdieu sah visuelle Medien als Chance, diese Dichotomie zu überwinden: als Vermittler sollen sie Feldfremden den objektiven Blick auf persönliche Erfahrungen des Forschenden erlauben und so Feld und wissenschaftliche Öffentlichkeit annähern. In dieser Vorstellung treten sowohl der Forschende als Autor als auch das Medium als Vermittler zurück und überlassen dem „Leser“ scheinbar selbst die sinnhafte Erschließung des Gezeigten. In unserem Beitrag schlagen wir vor, jenseits der Frage nach Subjektivität oder Objektivität der „Feldberichterstattung“ das spezifische Beziehungsgefüge in den Blick zu nehmen, in dem die ethnografische Arbeit stattfindet, und die Rolle von Medien in diesen Beziehungen zu reflektieren. Feld, Forscher und wissenschaftliche peer group bilden Endpunkte eines Geflechts, in dessen Zentrum sich Medien als Mittler konzeptuell positionieren lassen. Kritische Aufmerksamkeit erhalten sie vor allem als Vermittler der Beziehung zwischen Feld und wissenschaftlicher Öffentlichkeit, in der sie die Möglichkeit einer Abkürzung suggerieren, die den „Umweg“ über Berichte des Forschenden und damit das Subjektivitätsproblem relativieren kann. Die Rolle von Medien in den Beziehungen zwischen Feld und Forscher sowie zwischen Forscher und dessen peer group bleibt in der Regel unbesehen, muss aber ebenfalls systematisch in die Analyse mit einbezogen werden. Der Einsatz von visuellen Medien im Forschungsprozess, so unsere These, dient nicht nur der Annäherung von Feld, Forscher und wissenschaftlicher Öffentlichkeit, sondern erzeugt seinerseits spezifische Distanzen. Dies liegt an einer eingebauten Beschränkung von Medien: Als Vermittler haben sie ihre „natürliche“ Grenze da, wo es um Un(ver-)mittelbares geht, um Erfahrbares und Spürbares, um Unbekanntes. Hier haben gerade visuelle Medien als vermeintlich realgetreue Abbildung große Erwartungen geweckt, die sich in dieser Form nicht einlösen lassen. Das Problem der (Wieder-)Herstellung von Unmittelbarkeit bleibt vielmehr eine Herausforderung, die es in jedem Forschungsprojekt neuerlich zu lösen gilt - in der Konfrontation des Forschers mit den eigenen Daten und in der Kommunikation über Videodaten mit peers in Data Sessions. Unser Vortrag wird den Umgang mit diesem Problem an zwei Forschungsprojekten zur Vermittlung praktischen Wissens im Kampfsport und zur Performanz sexuellen Wissens im Webcam-Cybersex darstellen. Dabei zeigt sich, dass die distanzerzeugenden Eigenschaften der Medien nicht notwendig nur zu überkommende Probleme sind, sondern auch Chancen, über das untersuchte Feld zu lernen.

 
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Larissa Schindler:
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der JGU Mainz. Arbeitsgebiete: Soziologie des Körpers und des Sports, Wissenssoziologie, Methoden der qualitativen Sozialforschung. Promotion zur Vermittlung von Körperwissen anhand einer ethnografischen Fallstudie in einem Kampfkunstverein. Studium der Soziologie in Wien und Bilbao.

Tobias Boll:
Stipendiat des Forschungszentrums Social and Cultural Studies (SoCuM); Laufendes Promotionsprojekt zu Körpern, Nacktheit und Geschlechterdifferenz in Sexualpraktiken am Beispiel von Webcam-Cybersex und Tantra; MainzStudium der Soziologie an der Johannes Gutenberg-Universität (JGU) Mainz.

 
 

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