Freitag, 15.10.2010 ::: 16:30 - 18:00

Von Container und Fischbroetchen. Zwei Betrachtungen der maritimen Bilderwelten von Peter Schanz mit einem Beitrag desselben

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Lange Zeit wurde in den empirischen Kulturwissenschaften ein „visueller Analphabetismus“ konstatiert, der auf die mangelhafte Fähigkeit bezogen wurde, fotografische Bilder zu „lesen“. Zur Beseitigung dieses Analphabetismus wurden vielfältige Verfahren der wissenschaftlichen Bildanalyse entwickelt, die heute wichtiges Handwerkszeug für den quellenkritischen Umgang mit den technischen Bildmedien bereitstellen. Geblieben scheint jedoch nach wie vor eine mangelhafte Fähigkeit, mit fotografischen Bildern zu „schreiben“. Es lässt sich eine große Vorsicht gegenüber der fotografischen Bildgestaltung beobachten, die das ethnografische Bild meist in einem vermeintlich objektiven dokumentarischen Stil belässt. Zu fragen wäre hier, was ein fotografisches Bild ethnografisch macht und was künstlerisch? Gibt es tatsächlich visuelle Unterschiede zwischen den Bildern fotografierender Ethnografen und ethnografierender Fotografen? Inwiefern unterscheiden sich Methode und Selbstverständnis in der Feldforschung visuell arbeitender Kulturwissenschaftler und Künstler? Und wie weit lassen sich Strategien und Konzepte der künstlerischen Bilderproduktion in ethnografisches Arbeiten integrieren und umgekehrt? Als Annäherung an diese Fragen sollen in diesem Beitrag die maritimen Bilderwelten von Peter Schanz einer zweifachen Betrachtung unterzogen werden. Der Autor und Dramaturg Peter Schanz hat in einer Reihe von Fotoprojekten ein faszinierendes fotografisches Werk geschaffen, das sich im Grenzbereich zwischen künstlerischem Konzept und ethnographischer Beschreibung mit Phänomenen der maritimen Kultur auseinandersetzt. Während er in der Serie „87 Tage Blau“ in einer fast schon laborartigen Versuchsanordnung auf poetische Weise den Betrachter zum wesentlichen Element der Seefahrt führt und die Strenge der Bilderreihe mit seinen literarischen Tagebucheinträgen aufbricht, sucht er in dem Ausstellungsprojekt „Kurs Mandalay“ den Blick der „anderen“, indem er Seemänner aus Burma/Myanmar dazu eingeladen hat, ihren Berufsalltag mit Einmalkameras selber zu dokumentieren. Schanz’ „Container-Porträts“ geben sich wiederum der markanten Ästhetik des globalisierten Transportwesens hin. Die Fotosammlung „Fischbrötchen“ schließlich lenkt den Blick auf Eigenheiten der maritimen Kultur an Land. Eingeleitet von einer kurzen Präsentation der vier Projekte wird sich der Historiker und Galerist Matthias Bullinger (bildkultur Stuttgart) den vorgestellten Bildern zunächst aus künstlerischer Sicht nähern. Daran anschließend wird der Volkskundler Thomas Overdick (Flensburger Schiffahrtsmuseum) die Bilder ethnographisch betrachten.

 
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Matthias Bullinger, Dr. phil. Geboren 1959 in Stuttgart. Studium der Rechtswissenschaften und Geschichte in Freiburg, Genf und London. Seit 1990 selbstständig als Kulturmanager, Publizist und Galerist in Stuttgart. - www.bildkultur.de

Thomas Overdick, geboren 1970 in Haan. Studium der Volkskunde, Soziologie, Betriebswirtschaftslehre und des Museumsmanagements in Hamburg. Mitglied in der DGV-Kommission Fotografie. Promotion zur visuellen Ethnographie. Seit 2007 Leiter des Flensburger Schiffahrtsmuseums. Lehrbeauftragter am Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie der Universität Hamburg.

Peter Schanz, geboren 1957 in Bamberg. Studium der Germanistik, Geschichte und Politologie in Würzburg, Graz und München. Ab 1984 Engagements als Dramaturg und Regisseur an verschiedenen deutschen Theatern, zuletzt von 1997 bis 1999 als Künstlerischer Direktor am Staatstheater Braunschweig. Seit 1999 freiberufliche Arbeit als Autor und Dramaturg. Er lebt in Neuwittenbek am Nord-Ostsee-Kanal. - www.PeterSchanz.de

 

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