Sonnabend, 16.10.2010 ::: 14:00 - 15:00

Ethnografische Fotografie im Einkaufszentrum - Eva Lüthi

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Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit bildet eine eigene Fotoarbeit, die als Langzeit-beobachtung angelegt ist, und zwar in Form von Szenendarstellungen über die Aneignung der Nutzungsfläche einer Mall in einem Einkaufszentrum in Zürich sowie in Form von Porträt-darstellungen von Menschen, die sich in seinem Areal bewegen. In das seit über zwei Jahre regelmässig erhobene Fotomaterial, welches aus einer alltagstheoretischen Perspektive heraus – unter den Gütekriterien der Reportagen- und Porträtfotografie – konzipiert wurde, fliessen in ihrer Bearbeitung kulturwissenschaftliche methodische und theoretische Reflexionen ein. Diese beziehen sich auf den Erhebungs- und Interpretationskontext sowie der eingenommenen Rolle als Fotografin.
Der gewählte Feldforschungsstandort, ein in den 1980er Jahren erbautes Einkaufszentrum (mit über 60 Geschäften) innerhalb der Stadt Zürich, wird eingangs selbstreflexiv hinsichtlich des methodischen und theoretischen Bezugs zur Tradition des Flaneurs erforscht. Die Bilder lassen sich nach der fotografischen Rahmung von Goffman in Szenen- und Porträtdarstel-lungen ordnen und interpretieren. Damit rückt die Frage des Verfremdungsgrades der fotografischen Darstellungsform hinsichtlich der „Wahrnehmungsnormalität“ im Alltagsleben in den Fokus. Geleitet von einer Bildqualität, welche an eine ästhetische in sich stimmige Präsentation von Einzelbildern anknüpft, stellt sich die Frage nach ihrer Verwendbarkeit für eine kulturwissenschaftliche Analyse.
Inwiefern lassen sich die ethnographischen Fotografien mit künstlerischem Fokus als visuelles Material für eine ethnographische Forschung nutzen? Nebst der Stilisierung von Identitäten über die Porträtdarstellungen stellt sich die Frage konkret bei den Szenenbildern aus der Mall. In Abgrenzung zu visuellen Referenzen zu einer Mall, welche häufig ihre Gesamtarchitektur, die Macht des Raumtyps (vgl. auch Flughäfen, Kathedralen) hervorhebt, werden die Mikrostrukturen der Mal von oben aufgenommen, und zwar aus einem soge-nannten unspektakulären Blick wie ihn die Besucher/innen aus den Galerien einnehmen können. Er richtet sich auf die handelnden Personen, ihre kommunikativen Praktiken, welche sich über ihre Körper vollziehen und in wechselseitiger Beziehung zu den (symbolischen) Ordnungsstrukturen und Normierungen des Raumes stehen. Gezeigt werden das Verhältnis von Raum und Kultur im sich wandelnden Bezugssystem der Nutzungs- und Entertainement-fläche der Mall. Inwiefern ist anschauliches Verstehen des Ortes seiner Inszenierungen und jeweiligen Nutzung auf Grund der vorliegenden Fotos möglich und/oder sind sie ethno-graphisch über weitere visuelle oder sprachliche Daten zu ergänzen.

 
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Eva Lüthi, geb. 1968. Studium der Soziologie und Volkskunde in Zürich mit Forschungs-schwerpunkt und Lizentiat zu Organisationsprinzipien sozialdokumentarischer Presse-fotografien (Fremdendarstellungen). Nach Projektleitungen im Hochschulbereich erfolgte Ausbildung zur Fotografin (GAF). Neben theoretischer Auseinandersetzung mit Bildern, insbesondere Fotografien (Lehrbeauftragte FS10 Seminar „Alltagsfotografien als Forschungsgegenstand“ am Institut für Populäre Kulturen der Universität Zürich), freiberuflich als Fotografin tätig.

 
 

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