Freitag, 15.10.2010 ::: 13:30 - 14:30

Erich Wustmann - Mit Fotografie und Film über "fremde Kulturen" erzählen - Ralf Forster / Volker Petzold

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Im Rahmen eines Forschungsprojektes zu privaten Filmproduzenten in der DDR wurden die Beiträger mit dem außergewöhnlichen, sich völkerkundlich betätigenden Reiseschriftsteller und Vortragsredner Erich Wustmann (1907-1994) bekannt. Singulär erschien uns dabei die sich pragmatisch und autodidaktisch entwickelnde berufliche Methode des "sächsischen Exoten", unberührte Landschaften und darin lebende "ursprüngliche" Kulturen nicht nur mit schriftlichen, sondern vor allem mit modernen audiovisuellen Mitteln festzuhalten. Der als Wissenschaftler höchst umstrittene Wustmann setzte auf ein korporatives und höchst erfolgreiches Konzept der Vermittlung bruchstückhafter ethnologischer Erkenntnisse, ethischer Botschaften und komplexer Vermarktung mittels subjektiver, reich bebilderter Reports in Sachbuchform, spannender Jugenderzählung und multimedialer Vortragstätigkeit.
Neben der Repräsentation von Kulturen in "vor Ort" entstandenen stehenden wie bewegten ethnografischen Bildern empfanden wir vor allem Wustmanns Beharrlichkeit beeindruckend, in der DDR auf selbstständiger, unabhängiger Basis einer nicht alltäglichen Leidenschaft nachzugehen. Mehr als seine frühen, vor dem zweiten Weltkrieg begonnenen filmische Reisen zu nordischen Völkergruppen wie den Samen sollen vor allem seine Südamerikaexpeditionen der fünfziger und frühen sechziger Jahre erörtert werden. Dabei litt Wustmann weder an einer hegemonialen Sicht auf "das Fremde", noch war er ein "visueller Analphabet". Er hatte seine "Ausflüge" ausgiebig vorbereitet und z. T. lange unter "seinen Studienobjekten" bei stellenweise totalem physischen Einsatz des eigenen Subjektes geweilt, mit ihnen gelebt. Zugleich unternahm er erst gar nicht den Versuch, ein bereistes Gebiet (etwa die Amazonasregion Brasiliens mit ihren Indianerschutzgebieten) zu verzeichnen und visuell exakt zu vermessen. Das bewusst Ausschnitthafte und damit Subjektive seiner Dokumentationspraxis korrespondiert mit einer zwar aus authentischen Begebenheiten abgeleiteten, jedoch immer individuellen Beschreibung des Erlebten. Dazu passt die starke Reflexion seiner Arbeit "im Feld", das Einflechten technischer und situativer Details, die (angereichert mit ein wenig Abenteuer und Exotik sowie dem Zugeben von Inszenierung) seinen Büchern wie Vorträgen die zielgruppenspezifische Würze verliehen. In Wustmanns Filme fügen sich tradierte Elemente des Kultur- und Expeditionsfilmes (etwa Hans Schomburgk) ein, ohne dass eine direkte Einflussnahme in der Entstehungshistorie nachweisbar wäre.
Mit seinen bewusst populären bzw. populärwissenschaftlichen Präsentationsformen von Text und Bild ist Erich Wustmann als Nachfolger von (oft kolonialistisch inspirierten) Vortragsfilmern der zehner und zwanziger Jahre sowie als Vorläufer von inzwischen gängigen TV-Formaten zu charakterisieren. Seine Fotos und Filme sind vor allem dann eine wertvolle Quelle für die Forschung, wenn sie in ihrem "sozialen Gebrauch" durch den Urheber analysiert werden. [Vortrag mit Filmbeispiel]

 
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Ralf Forster ist promovierter Filmtechnikhistoriker am Filmmuseum Potsdam. Er arbeitet als Publizist und nimmt Lehraufträge an Universitäten wahr. Teile seiner Filmsammlung präsentiert er in Kinos und auf Fachveranstaltungen.
Volker Petzold ist promovierter Betriebswirtschaftler und arbeitet freiberuflich als Journalist wie Publizist auf medienhistorischen Feldern. Für einige deutsche Filmfestivals war und ist er als Berater tätig.

 

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