Freitag, 15.10.2010 ::: 11:30 - 12:30

Die Chiffren von Regnault und die Taxidermie von Flaherty: Zwei Repräsentationspraktiken im ethnografischen Film zwischen 1895 und 1933 - Lena Christolova

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In der Filmgeschichtsschreibung gilt als unumstritten, dass die Entwicklung des ethnografischen Films Hand in Hand mit der die Entwicklung des Kinos ging. Versuchte Félix-Louis Regnault, der sich für die Gründung eines Museums des ethnografischen Films engagierte, anhand der chronofotografischen Methode von Étienne-Jules Marey die spezifischen Merkmale von Bewegungen von Westafrikanern und Europäern auf dem Hintergrund des Eifelturms aufzunehmen und als Chiffres für eine evolutionäre Rassentypologie zu verwerten, so organisierte Alfred Cort Haddon drei Jahre nach der ersten Filmaufführung der Brüder Lumière 1895 in Paris eine Expedition zu den Torres Straights Islands an der Nordwestküste Australiens, welche die Geburt der modernen Anthropologie markiert. Das während der Expedition aufgenommene visuelle Material sollte für die Objektivität und Wissenschaftlichkeit der aufgestellten Beobachtungen bürgen und als Korrektiv im Vergleich mit den durch die Methode der Feldforschung gewonnen Erkenntnissen dienen. Dadurch wird die für das 19. Jahrhundert charakteristische Unterscheidung zwischen Ethnografen und Anthropologen zwar aufrechterhalten, es wird aber gleichzeitig der Typus des "neuen Anthropologen" von Bronislaw Malinowski anvisiert, der den Feldforscher und Theoretiker in einer Person verschmelzen lässt. Außerdem filmte die mit einer Kamera von Lumière ausgerüstete Expedition auf der Insel Mar einen rituellen Tanz, den Höhepunkt der Malo-Bomai-Maskenzeremonie, sowie den Versuch dreier Männer, Feuer zu entflammen. Während die Tanzszenen eine soziale Interaktion darstellen und das Werk des jungen Malinowski vorwegnehmen, das James Frazer als eine Beobachtung "in the round and not in the flat" bezeichnet, erinnert die Feuerszene des fünfminütigen Films stark an Louis Lumi?res La Partie de Cartes (1895). Sie lässt sich filmgeschichtlich in das sogenannte cinema of attractions einordnen, das der Zurschaustellung menschlicher Tätigkeiten und Aktionen diente und seinen Platz in der Filmgeschichte unter der Bezeichnung "Jahrmarktskino" fand. Interessant ist das cinema of attractions für den ethnografischen Film aufgrund seiner Praxis des "unschuldigen Auges", die sich in den Werken von Robert Flaherty fortsetzt, dessen Film Nanook of the North (1922) als der ethnografische Film par excellence der 1920er-1930er Jahre gilt. Im Unterschied zu den von Regnault angestrebten Typologisierungsversuchen als eine Beobachtung "in the flat", kann der Film von Flaherty als eine Beobachtung "in the round" betrachtet werden, obwohl das Iglu ein filmischer Set war und die Darsteller speziell für den Film angefertigte Kostüme trugen. Er steht für die Rettung von vom Verschwinden bedrohten Völkern und für eine romantische Tendenz im ethnografischen (oder ethnografisierenden) Film, die sich in Filmen wie Moana: A Romance of the Golden Age (R.: Robert Flaherty, 1926), Tabu: A Story oft he South Seas (R.: Robert Flaherty und F. W. Murnau, 1931), oder Dead Birds (R.: Robert Gardner, 1962) fortschreibt. Anderseits lässt er sich durch die Musealisierung seiner Objekte mit der Metapher der Taxidermie beschreiben, die Stephen Bann und Donna Haraway in ihren Studien über Repräsentations-praktiken im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gebrauchen. Ähnlich dem Präparator von Tierkadavern versucht die Repräsentationspraxis der Taxidermie, Verlorengegangenes durch Gegenwärtiges zu ersetzen und Totes als Lebendiges erscheinen zu lassen. In Feature Filmen wie Blonde Venus (R.: Josef von Sternberg, 1932), The Most Dangerous Game (R.: Irving Pichel und Ernest Schoedsack, 1932) und Island of Lost Souls (R.: Erle C. Kenton, 1933) wird jedoch diese romantisierende Tendenz des ethnografischen Kinos stark unterminiert, was in dem Blockbuster von Merian C. Cooper und Ernest B. Schoedsack King Kong (1933) kulminiert, der als den ironischen Moment des ethnografisierenden Films betrachtet werden kann. Ich möchte in meinem Vortrag versuchen, folgende Fragen zu beantworten: Haben die ethnografischen Filme von Cooper und Schoedsack Grass (1925), Chang (1927) und Rango (1931) seinerzeit viel weniger Beachtung als Nanook of the North bekommen, weil sie nicht dem Modus der "taxidermischen Repräsentation" beipflichten wollten? Kann King Kong als ein Film über frühe ethnografische Expeditionen und Repräsentationspraktiken gelesen werden, der dem Hybriden dieser Praktiken durch die Figur des Monsters ein Denkmal setzt? Produziert der Film neben einem monströsen Objekt der Beobachtung, das die Chiffres eines durch Evolutionstheorien begründeten Alptraums vom Rassenfilm verkörpert, womöglich auch einen monströsen Zuschauer, dessen Imaginäres nach dem Etablieren des teratologischen Diskurses das Imaginäre der Massenkultur besetzt?

 
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Lena Christolova, Dr. phil., wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Medienwissenschaft an der Geisteswissenschaftlichen Sektion der Universität Konstanz.
Studium der Literatur-, Sprach- und Medienwissenschaft in Sofia und Konstanz
Promotion an der Universität Konstanz mit einer Schrift über die Poetik von Wolfgang Hildesheimer, Habilitationsvorhaben über Film, Fotografie und Fotogramm
Forschungsschwerpunkte: Fotografie, Film, Intermedialität, Avantgarde, Gender
aktuelles Forschungsvorhaben: Biomorphismus und früher Film, erste Veröffentlichung darüber in: Stephanie Großmann, Peter Klimczak (Hg.):Medien – Texte – Kontexte. Beiträge des 22. Film und Fernsehwissenschaftlichen Kolloquiums an der Universität Passau. Marburg: Schüren 2010

 

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