Sonnabend, 16.10.2010 ::: 14:00 - 15:00

Entgrenzte Arbeit, entgrenzte Forschung und deren Repräsentation im Film. Ein Werkstattbericht - Neele Behler

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"Alternative Selbstständigkeit. Arbeitsalltag und Lebensentwürfe von Alleinselbstständigen. Eine ethnographische Analyse mit Dokumentarfilm" , so lautet der Titel meiner Magisterarbeit. Der schriftliche Teil und der dazugehörige ethnographische Film untersuchen die flexible, prekäre, subjektivierte und entgrenzte Arbeits- und Lebenswelt Alleinselbstständiger und stellen ihre brüchigen Biografien, kritischen Arbeits- und Lebensauffassungen sowie den Alltag in der Selbstständigkeit dar. Die Frage, die über allem steht lautet: Wie kann man gut mit Arbeit leben? Denn in der Welt des neuen, flexiblen Kapitalismus kann die Trennlinie der Sphären "Arbeit" und "Nicht-Arbeit" immer seltener scharf gezogen werden und wie damit umzugehen ist, liegt zunehmend in der Hand der Arbeitenden selbst. Die Auseinandersetzung der Protagonisten mit dieser Aufgabe ist Gegenstand von schriftlicher Arbeit und Film. Die Aufhebung der scharfen Trennlinie der Sphären Arbeit und Leben bedeutet auch, dass eine Forschung zum Thema Arbeit kaum Halt machen kann vor privaten Bereichen und die Kamera ebenso tief in sensibles, privates Terrain vorstoßen muss, wie es die Arbeit tut.
Die Beschäftigung mit diesem Thema ließ mich als baldige Absolventin natürlich nicht kalt und mein Interesse daran kam nicht von ungefähr. Als zukünftige Kulturwissenschaftlerin bin ich von "postfordistischen" Arbeitsbedingungen selbst existenziell betroffen und genieße eine (unfreiwillige) Insiderperspektive. Meine eigene Involviertheit wurde auch zu einem nicht unwesentlichen Faktor bei der Arbeit mit dem Protagonisten. Mitunter kam es zu Situationen, in denen meine "Forschungsobjekte" einen Rollenwechsel vornahmen: ganz selbstverständlich wurde ich Gegenstand ihres Interesses. Sie fragten mich, wie es mir denn ginge, machten sich Sorgen um mich und meine Arbeit. So wie ich sehr intensiv Anteil an ihrem Leben genommen hatte, hatten sie ihrerseits ebenfalls begonnen, an meinem Leben teilzunehmen und den Fortgang des Abschlussprojekts und meine damit ja eng verbundenen beruflichen Perspektiven zu verfolgen und zu hinterfragen.
Die Erkenntnis, dass Feldforschung als Methode Grenzen verwischt ist nicht neu, aber auch hier hat die ans Feld gestellte Frage - wie kann man [als Forscher] gut mit Arbeit leben? - durchaus ihre Berechtigung.
Vor diesem Hintergrund drängen sich Fragen auf: Was kann und soll von diesen Erfahrungen des multidimensional grenzüberschreitenden Arbeitens in die filmische Repräsentation einfließen? In wie weit verlangt der Gegenstand eine Bezugnahme auf die Forschungssituation und die Involviertheit der Forscherin?
Die methodologische Aufarbeitung dieser Fragen und Prozesse werden Gegenstand meines Vortrags sein - zum einen bezogen auf das konkrete Beispiel meiner Filmarbeit, zum anderen bezogen auf übergeordnete Fragen nach der Reflexion und Repräsentation der Forscherinnenrolle im Feld in visuell anthropologischen Arbeiten.

 
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Neele Behler, 27, wuchs im Ostwestfälischen Beverungen als Arbeitertochter auf. Sie studierte Ethnologie, Geschlechterforschung und Kulturanthropologie/ Europäische Ethnologie in Mainz und Göttingen, wo sie derzeit ihren Magisterabschluss in einer Kombination aus Film und schriftlicher Arbeit mit dem Titel "Alternative Selbstständigkeit. Arbeitsalltag und Lebensentwürfe von Alleinselbstständigen" anstrebt. Interessenschwerpunkte sind Arbeitskulturenforschung, ethnographischer Film und Geschlechterforschung.

 
 

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